25.6.13

#SampleSunday - Die Enkelin ... Erstes Kapitel


 Das Buch hat ein neues Gewand bekommen!


1
„Vor – vor – seit – ran ...“ Die helle Stimme von Ines Grube übertönte die Musik. Neun Paare mühten sich, den Anweisungen der Trainerin zu folgen.
Madeline Lagrange stemmte ihren Arm gegen die Brust ihres Tanzpartners, um mehr Abstand zu schaffen. „Robert, du zerquetscht mich gleich!“
Robert Merck schürzte die Lippen, aber er lockerte seinen Griff. „Recht so?“ Spott klang in seiner Stimme. „Ich wusste nicht, dass du so zerbrechlich bist.“
Sie verdrehte die Augen. Dabei kam sie prompt aus dem Takt; Robert griff wieder fester zu.
Als sie an der geöffneten Tür vorbeitanzten, warf sie einen Blick auf die große Uhr über der Bar. Sah aus, als wäre sie zwischendurch stehen geblieben. Müsste die Stunde nicht gleich zu Ende sein?
Großpapa saß am Tresen und schien sie zu beobachten; seine Füße bewegten sich im Takt. Auch nach fast zwanzig Jahren hatte er noch nichts verlernt. Vielleicht sollte sie mit ihm üben statt mit diesem nervigen Typen.
Ines stellte die Musik aus und verordnete ihnen eine kurze Pause.
„Meine Güte!“ Madeline wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann blickte sie auf ihre Füße. „Meine neuen Nylons dürften ruiniert sein.“
„Wenn du deine Füße aber auch immer unter die meinen stellst.“
„Ach so ist das!“ Fand er das etwa witzig? Sie ließ Robert stehen und ging an die Bar.
„Meine Madeline!“ George Lagrange hielt ihr mit strahlenden Augen ein Glas Mineralwasser entgegen. „Du bist weitaus besser als dein Partner. Wer ist das überhaupt?“
Marga Fischer, die neben dem Büro auch den Tresen betreute, langte nach Georges leerem Glas, in der anderen Hand die Rotweinflasche, um nachzuschenken. „Deiner Enkelin liegt der Rhythmus im Blut. Vom wem mag sie das wohl geerbt haben?“ Mit einem Augenzwinkern schenkte sie ihm nach.
„Von meinem Sohn bestimmt nicht. Der hat schon wieder das halbe Labor in die Luft gejagt.“
Marga starrte ihn erschrocken an. „Nein!“ Sie lachte nervös. „Du ziehst mich schon wieder auf!“
„Keineswegs. Es stand gestern in der Zeitung.“ Auf seiner Stirn erschien eine Ärgerfalte. „Erzählt hat er es mir natürlich nicht.“ Er nahm Marga sein Glas ab und wandte sich wieder Madeline zu. .„Also, wer ist das, mit dem du tanzt?“
Sie zuckte die Achseln. „Robert Merck. Sein Vater ist wohl ein Kollege von Klaus Wächter.“
„Polizisten-Familie also.“ Die Falte auf Georges Stirn verschwand. Als Robert gleich darauf an den Tresen kam, blickte er dem jungen Mann freundlich entgegen.
Robert ließ sich von Marga ein Bier geben. „Das habe ich mir jetzt verdient.“
„Was ist mit fahren?“, fragte Madeline spitz. „Du wolltest mich nach Hause bringen.“
Er errötete bis zu den Haarspitzen. Madeline verbarg ihre Erheiterung hinter ihrem erhobenen Glas.
George kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Werden Sie nach dem Schnupperkurs weiter bei uns tanzen?“
Roberts Blick ging zu Madeline. „Der Tanzclub Lietzensee hat einen bemerkenswerten Ruf; das gefällt mir gut. Ich denke schon – wenn sich eine Partnerin für den Tanzkreis findet?“
„Gewiss doch.“ George nickte zufrieden. „Dann auf eine gute Zeit.“ Er hob sein Glas Robert entgegen. „Ich habe Sie eben beobachtet.“
„Und? Was denken Sie?“ Robert spannte sich an. „Kann ich hoffen, dass ich eines Tages perfekt bin?“
„Bah!“ Madeline schnaubte. „Was soll das? Fishing for compliments, Robert?“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Verachtung zu verbergen.
„Du verstehst heute wieder mal keinen Spaß, Madeline! So oft habe ich dir doch gar nicht auf den Fuß getreten!“
George folgte Madelines unwillkürlichem Blick nach unten. Am rechten Fuß hatte sie einen Schmutzfleck neben dem Knöchel. „In Sandalen zu tanzen ist nicht sonderlich schlau. Leg dir richtige Tanzschuhe zu.“
„Wozu? Wenn ich mit denen einmal über die Straße gegangen bin, kann ich sie wegschmeißen.“
„Was machen Sie beruflich, Robert?“
„Nichts Besonderes.“ Er zuckte die Achseln. „Bezirksamt Reinickendorf. Aber gewiss nicht bis zum Ende meines Lebens.“ In seine Augen kam ein Glitzern. „Eine Karriere als Turniertänzer ... Da kommt man schon ins Nachdenken.“
„Ich war zu meiner Zeit recht erfolgreich. Vier Mal unter den ersten drei der deutschen Meisterschaft; ebenso zwei Mal bei den Weltmeisterschaften.“ Aber gewonnen hatte Großpapa nie; das verschwieg er den jungen Leuten stets. „Mein Vater war schon bei den Anfängen des Formationstanzes vor dem Zweiten Weltkrieg dabei. Madeline setzt die Tradition der Familie fort.“
Was fiel ihm ein? „Großpapa!“ Madeline schüttelte den Kopf. „Um einen Studienplatz in Medizin zu kriegen, weiß ich schon jetzt, womit meine Tage bis zum Abitur ausgefüllt sein werden.“
„Du bist doch so klug, Madeline. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du so viel Zeit zum Lernen brauchst.“ Robert griff nach ihrer Hand. „Es geht weiter.“
„Ich trinke noch mein Wasser aus.“ Madeline entzog sich ihm und wedelte ihn in Richtung Tanzsaal. „Geh schon mal.“
Robert blickte zögerlich zwischen Madeline und dem Tanzsaal hin und her. Dann begann leise die Musik; gleich würde Ines weitermachen. Er setzte sich, immer noch zögerlich, in Bewegung.
„Puh!“ Madeline seufzte, als er außer Hörweite war. „Er. Geht. Mir. Auf. Den. Geist.“
„Wieso denn? Er ist doch nett! Und so ehrgeizig.“
„Er ist halt nicht mein Typ.“
George schmunzelte. „Und wer ist dein Typ?“
Sie blickte verträumt zur Decke. „Groß, schlank, schwarzhaarig. Erwachsen.“
„Das klingt, als hättest du jemand Bestimmtes im Sinn. Bist du in einen deiner Lehrer verschossen?“
Madeline lachte; das ging Großpapa nichts an. „Ich geh dann mal wieder.“
Nach zwei Schritten blieb sie jedoch stehen. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf den Mann, der gerade hereinkam. Schlank und breitschultrig; Jeans und T-Shirt so eng, dass sich die Bewegungen seiner Muskeln darunter abzeichneten. Und schwarze Haare, wenn auch ein wenig zu kurz für ihren Geschmack. „Wow!“ Sie atmete langsam aus. Hatte sie den etwa gerade herbeibeschworen?
Aus den Augenwinkeln immer noch den Mann im Blick, drehte sie sich zu Marga um. „Wer ist das denn?“
„Chris Rinehart, unser Caller!“
„Oh?“ Was sollte das denn heißen?
„Madeline!“ Robert winkte ihr heftig und sie setzte sich mit einem Seufzer wieder in Bewegung.
 
***

Chris’ Blick hing an Madeline fest, die mit offensichtlicher Unlust zum Tanzsaal stöckelte. Ihr hübsches Gesicht war zu einer finsteren Grimasse erstarrt. Was tat das Mädchen hier, wenn es keinen Bock aufs Tanzen hatte?
„Guten Abend, Chris!“ Marga riss ihn aus seinen Betrachtungen. „Ich habe für Ersatz gesorgt. Die Anlage war nicht mehr zu reparieren.“
George zog die Brauen hoch. „Ersatz, Marga? Das ist in unserem Etat nicht eingeplant.“
„Eine Reparatur auch nicht. Aber das geht schon. Ich habe mit Werner geredet.“
Georges Stirn glättete sich ein wenig. „Du denkst auch immer an alles.“
Marga senkte schnell ihren Kopf über die Spüle und stellte die leeren Gläser hinein. George schlenderte zum Tanzsaal. Chris gesellte sich zu ihm und lehnte sich in den Türrahmen.
Die meisten Paare boten noch immer ein Bild des Erbarmens. Und was Madeline mit ihrem Partner veranstaltete, sah mehr nach einem Ringkampf als nach einem langsamen Walzer aus. Warum überließ sie ihm nicht die Führung, wie es sich gehörte? Offensichtlich war dies hier nicht ihr Ding.
Ihre Blicke kreuzten sich; unwillkürlich lächelte Chris ihr zu. Sie errötete und blickte schnell weg. Chris mochte nicht wegsehen. Die weinrote Strähne in ihren zerzausten dunkelblonden Haaren gab ihr etwas Verwegenes, das ihn anzog. Es passte zu der Rangelei mit ihrem Partner.
„Der Kurs könnte an einem Abend gerne mal verlängern und ich zeige denen ein paar Square Dance-Schritte“, sagte er zu George.
George versteifte sich. „Das ist ein Schnupperkurs für Gesellschaftstanz!“ Er räusperte sich und danach klang seine Stimme weniger schroff. „Es ist schon problematisch genug, als Verein überhaupt einen Kurs durchzuführen.“
Marga verdrehte die Augen; daraufhin verzichtete Chris auf eine Erwiderung.
 (...)


Die Enkelin. Aus der Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee". Liebesroman.
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